Tomáš Pospiszyl, Reflex 1994
Eine leere Galerie ist der einsamste Raum, den man sich vorstellen kann. In einer leeren Galerie gibt es absolut nichts, nur ohrenbetäubendes Vakuum und stechendes Licht. Erst die Gedanken, Bilder und Statuen des Künstlers bringen Formen, Farben und Leben. Eine leere Galerie ist eine Schale, eine Blase, die die Außenwelt von der Welt des Kunstwerks und des Künstlers trennt. Die Galerie muss fähig sein, die Vorstellungen des Künstlers zeigen zu können. Draußen rieselt es, erste Regenschirme werden geöffnet. Die Galerie Nová síň ist noch leer. Der Kunstmaler Pavel Kryz hat wohl größere Erfolge im Ausland als in Tschechien. Wenn aber der kommerzielle Erfolg und die Anzahl von großen Ausstellungen für Welt und Kunst überhaupt einen Sinn haben. Als ich ihn zum ersten Mal in seinem Atelier besuchte, drängten wir uns in einem kleinen Zimmer ,wir zwei, zehn Bilder und Zeichnungen voll von feinen Kraftlinien und 1300 Gesichter von dem heute schon fast vergessenen Hollywood-Star der 20-er Jahre Glorie Swanson.
Vor einem Jahr hat Pavel Kryz im Antiquariat seines Freundes eine Kollektion von alten Ansichtskarten der amerikanischen Filmstars entdeckt, die in ihrer Zeit die heutigen Monografien der bekannten Schauspieler vertreten haben und den Kult der einzelnen Stars gefördert haben. Ihre Namen sind heute auch für Filmexperten oft unbekannt, man kennt keinen Film, keine Lebensgeschichte von ihnen. Was aber auch nach 70 Jahren bleibt, ist die Aureole des Stars, des schon vergessenen Gesichtes. „Als mir der Termin für die Ausstellung in der Galerie Nová síň zugeteilt wurde, konnte ich meine schon fertigen Bilder in dem Raum ausstellen. Große weiße Wände der Galerie haben mich aber zur Installation inspiriert, die gerade für diesen Raum und für keinen anderen bestimmt wurde.“ Pavel Kryz hat noch eine Inspiration eingestanden. „Ich hatte auch Lust, die Galerie wie ein ungewöhnliches Atelier zu benutzen.“Die alte Ansichtskarte wurde in Tausende von Exemplaren vervielfältigt, Pavel Kryz will auch etwas Ähnliches machen, er will die fotografische Reproduktion der vergessenen Schauspielerin multiplizieren, riesige Bilder vom Boden bis zur Decke in der Galerie ausstellen. Die Hollywood-Schauspielerin und ihr Blick, der so einmalig ist, befinden sich plötzlich in der Situation des gekreuzigten Christus, von dem auf einmal ganze Hunderte in der Kirche sind. Wie ändert sich der Blick der Schauspielerin, wenn er hundert Mal wiederholt wird? Sagt sie uns mehr von ihrem Leben, von ihrer freiwilligen und vielleicht nicht freiwilligen Pose? „Zum Schluss gab es 968 Gesichter von Glorie Swanson, die in drei Teilen an den Wänden der Galerie hingen. Die zusammengeklebten Fotos habe ich mit Ornamenten übermalt“.
Pläne werden zu Wirklichkeit.Auf dem leeren und weißen Boden liegen erste Fotos und werden zusammengeklebt. Finale Bilder sind 6 mal 10 Meter groß. Pavel Kryz hat noch drei Tage und drei Nächte. Die Galerie wird zum Operationssaal, nur der Künstler und seine Helfer stören das blendende und ein wenig sterile Weiß. Der Autor hat erst jetzt die Möglichkeit, das entstehende Werk in seiner wirklichen Größe zu sehen, im Ausmaß, in dem er die Gesichter übermalt. Die Gesichter werden nebeneinander zusammengeklebt und sie bilden in ihrer Menge einen Bilderraster. Im Atelier konnte man die eigene Installation theoretisch gut vorbereiten, jetzt ist es aber wirklich schwierig. Es ist keine einfache Aufgabe, ein zehn Meter großes Bild an die Wand anzumachen. Der Künstler selbst hatte keine Vorstellung, wie die Gesichter zum Schluss nebeneinander aussehen werden, es kann sein, dass der Endeffekt banal ist.Vielleicht ist es nicht real, aus technischen und zeitlichen Gründen die ganze vorbereitete Fläche zu benutzen. Die Fotos liegen auf dem Boden wie ein Teppich. Der Künstler mit einer Eimer mit blauer Farbe in der Hand steht inmitten der Gesichter wie im Meer. Das Ornament wird dichter, die Fläche ist unruhig. Ornamente machen kleine Wellen über Gesichtern wie Meereswellen über dem Gesicht einer Ertrunkenen.
Das tausendmal wiederholtes Gesicht der heute schon unbekannten Hollywood-Schauspielerin, das ein unbekannter und heute sicher nicht mehr lebender Fotograf aufgenommen hatte, das mechanisch durch eine anonyme Druckmaschine gedruckt wurde, erzählt die Geschichte unseres Jahrhunderts. Alles, was geblieben ist, ist nur eine Pose, eine künstliche Atelier-Aufnahme, die im Laufe der Jahre völlig leer wurde.Wir denken uns eigene Erklärungen aus, die sich von der Wirklichkeit, von der Wahrheit unterscheiden müssen.Wir haben schon so oft ähnliche Gesichter gesehen, Wände mit Namen der Opfer aus Konzentrationslagern, Hunderte,Tausende,Millionen verschiedene Gesichter, verschiedene Schicksäle und Geschichten. Alle werden zu einem Gesicht, sie können durch ein einziges Gesicht ersetzt werden. Pavel Kryz hat sich nie die Mühe gegeben, das Schicksal der Schauspielerin Glorie Swanson genau festzustellen. Für sein Werk ist es nicht wichtig. Wichtig ist ihr Blick, ihr Schicksal eines künstlich gebildeten Hollywood-Idols, das Prinzip des Stars, ein Mythus unter dem Vergrößerungsglas.
Tomáš Pospiszyl
P.S. Gloria Swanson gehört zu den Hollywood-Königinnen der 20-er Jahre. Sie begann als eine von den legendären „badenden Schönen“ von Mack Sennet, danach hat sie auch in Charlie Chaplins Filmen gespielt. In der ersten Hälfte der 20-er Jahre spielte sie in vielen Filmen, in denen sie ein Ideal einer emanzipierten Frau vorgestellt hat. Eine Geschichte einer alternden Frau spielte sie im Film Sunset Boulevard. Glorie Swanson starb im Jahre 1983 mit 86 Jahren. Noch im Jahre 1975 spielte sie im populären katastrophischen Film „Flughafen“.